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Hochbegabungsdiagnostik nach dem Wiener Diagnosemodell zum Hochleistungspotenzial

Stefana Holocher-Ertl

In der traditionellen Hochbegabungsdiagnostik wird (kognitive) „Hochbegabung“ als sehr hohe Ausprägung von „Intelligenz“ verstanden. Als Konvention festgelegt liegt der Grenzwert, ab dem eine Hochbegabung zu diagnostizieren ist, bei einem IQ ³ 130 (s. Rost, 2000). Die Festlegung dieses Wertes wird nirgends inhaltlich  begründet  und erscheint eine völlig willkürliche Konvention (vgl. vor allem Holocher-Ertl, Kubinger & Hohensinn, 2006): Es gibt keine Belege dafür, dass ab einem IQ von 130 qualitativ-strategische Unterschiede bei komplexen Denk- und Lernanforderungen auftreten, eine Person mit einem IQ von 130 also qualitative Leistungen erbringen kann, die eine Person mit einem IQ von z.B. 124 nicht erbringen könnte. Weiters kritisch an diesem Klassifikationskriterium sind: die Abhängigkeit des IQ-Wertes von den verwendeten Intelligenz-Testbatterien und zugrunde liegenden Intelligenzmodellen (siehe dazu beispielhaft für den Vergleich HAWIK IV und AID 2 in der Hochbegabungsdiagnostik die Arbeit von Holocher-Ertl, Kubinger & Hohensinn, 2008a); die  bei der Verrechnung zum IQ vorausgesetzte kompensatorische Wirkung verschiedener Fähigkeitsdimensionen;  der fehlende förderungsorientierter Erkenntnisgewinn aus einem einzelnen IQ-Wert; die Fehlklassifikation von eigentlich hochbegabten aber teilleistungsschwachen Kindern.  Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, dass die Bezeichnung einer Person als hochbegabt oft große Aufwirkungen auf deren Leben hat und zu besonderen Etikettierungen führen kann. In vielen Fällen ist daher die Diagnose Hochbegabung gemäß IQ-Wert, förderungsbezogen betrachtet, kontraindiziert (siehe z.B. das Fallbeispiel bei Kubinger, Holocher-Ertl & Frebort, 2006).

Ausgehend von diesen Kritikpunkten wurde in der Dissertation ein neues Diagnosemodell zur Hochbegabung entwickelt: das Wiener Diagnosemodell zum Hochleistungspotenzial. Den Entwicklungs- oder Entfaltungsaspekt betonend, soll gemäß des Wiener Modells das „Potenzial zur Hochleistung“ diagnostisch abgeklärt werden. Hochbegabungsdiagnostik entsprechend diesem Modell bedeutet das Spannungsfeld zwischen Potenzial zur Hochleistung und gezeigter Hochleistung zu analysieren. Es geht um ein der Teilleistungsstörungsdiagnostik abgeleitetes „Kompensationsmodell“, wonach nicht zwingend in allen kognitiven Fähigkeiten extrem gute Testleistungen erbracht werden müssen, um einem Kind Potenzial zu universellen kognitiven Hochleistungen zu attestieren. Es genügt auch, wenn intraindividuelle Schwächen durch gegebene Stärken (auch im Persönlichkeitsbereich) kompensiert bzw. sie durch spezifische Fördermaßen leicht egalisiert werden können. Ob einem Kind das Potenzial zur Hochleistung zugesprochen werden kann, ergibt sich aus seinen „Intellektuellen Fähigkeiten“, den „Leistungsbezogenen Persönlichkeitsvariablen“ und dem „Anregungsmilieu“ (vgl. genauer in Abb. 1). Die intellektuellen Fähigkeiten eines Kindes sowie seine Leistungsbezogenen Persönlichkeitseigenschaften können sich nur in einer für das Kind optimalen Lern- und Entwicklungsumwelt eingebettet entsprechend entfalten. Dabei gilt es, diese Lern- und Entwicklungsumwelten ständig und flexibel an den Entwicklungsstand des Kindes anzupassen. Anregungsmilieu, Intellektuelle Fähigkeiten sowie Persönlichkeitsvariablen beeinflussen sich dabei in ihrer Entfaltung bzw. Nicht-Entfaltung wechselwirkend, alle drei Bereiche müssen also als Voraussetzung zur Erbringung von Hochleistung begutachtet werden. Ein allfällig bestimmbarer IQ ist insofern irrelevant.

Abb: Das Wiener Diagnosemodell zum Hochleistungspotenzial

Mehrere Diagnosen sind nun nach Durchführung einer ausführlichen Diagnostik auf Basis dieses Modells möglich: 1. Hochleistungspotenzial. In diesem Fall zeigt das Kind in allen drei Bereichen, also in den intellektuellen Fähigkeiten, in der Persönlichkeit und im Anregungsmilieu bemerkenswerte Ressourcen; insgesamt ist ihm somit zum Zeitpunkt der Diagnoseerstellung das Potenzial zur Hochleistung zuzuschreiben. 2. Hochleistungspotenzial nach Intervention. Grundsätzlich verfügt das Kind über eine überdurchschnittliche intellektuelle Begabung, hat somit das kognitive Potenzial zur Hochleistung. Im Rahmen des diagnostischen Prozesses stellen sich aber Defizite im Bereich der leistungsbezogenen Persönlichkeitsvariablen oder des sozialen Umfeldes oder in Form von Teilleistungsschwächen im kognitiven Bereich heraus bzw.  eine Kombination entsprechender Defizite. Folglich werden den Eltern Interventionsmaßnahmen vorgeschlagen, die diese Defizite zu egalisieren versprechen. Bei den Interventionsmaßnahmen handelt es sich je nach Defizit um Teilleistungstrainings, Aufmerksamkeits- und Lerntrainings, Psychotherapie, Schul- oder Klassenwechsel etc. Erst nach Durchführung dieser Interventionsmaßnahmen ist das Potenzial zur Hochleistung gegeben. 3. Kein Hochleistungspotenzial. Beim Kind liegen keine ausreichenden kognitiven Fähigkeiten vor, oder aber die Defizite im Persönlichkeitsbereich bzw. im Anregungsmilieu sind so groß, dass mit einem Potenzial zur Hochleistung und einem damit einhergehenden tatsächlichen Hochleistungsverhalten nicht gerechnet werden kann.

Die Umsetzung dieses Modells erfolgt durch ein multimethodales diagnostisches Vorgehen. Dabei wird auf Informationen aus den Intelligenztests AID 2 und CFT 1 bzw. CFT 20-R, Persönlichkeitsfragebogen (vorrangig PFK 9-14 und LAVI), Anamnesegesprächen mit Eltern und Kind, einem Elternfragebogen und einer ausführlichen Verhaltensbeobachtung zurückgegriffen.

Erste empirische Untersuchungen belegen die hohe prognostische Güte des Wiener Diagnosemodells zum Hochleistungspotenzial. In einer Studie an ehemaligen KlientInnen der Test- und Beratungsstelle konnten 80% der hochleistenden Kinder und Jugendliche durch das Vorgehen nach dem Wiener Modell tatsächlich als solche prognostiziert werden. Demgegenüber führte eine Prognose nach dem Klassifikationskriterium IQ>130 dazu, dass fast dreiviertel der tatsächlichen Hochleister als solche nicht erkannt wurden!

 

Zeitschriftenartikel:

Kubinger, K.D., Holocher-Ertl, S. & Frebort, M. (2006). Leistungsprobleme von Kindern und Jugendlichen: Indikation Familientherapie laut Systemisch Orientiertem Erhebungsinventar. Psychotherapie in Psychatrie, Psychotherapeutischer Medizin und Klinischer Psychologie, 11, 47-53.

Holocher-Ertl, S., Kubinger, K.D. & Hohensinn, C. (2008a). Hochbegabungsdiagnostik: HAWIK-IV oder AID 2. Kindheit und Entwicklung, 17, 99-106.

Holocher-Ertl, S., Kubinger, K.D. & Hohensinn, C. (2008b). Identifying children who may be cognitively gifted: the gap between practical demands and scientific supply. Psychology Science Quarterly, 50, 97-111.

Holocher-Ertl, S., Kubinger, K.D. (2009). Förderungsorientierte Hochbegabungsdiagnostik: Das Wiener Diagnosemodell zum Hochleistungspotenzial. Report Psychologie, 3, 116-129.

Buchbeiträge

Holocher-Ertl, S., Kubinger, K.D. & Hohensinn, C. (2006). Zur Definition von Hochbegabung ist die Höhe des IQ zwar Konvention aber völlig ungeeignet: Ein neues Diagnosemodell im Spannungsfeld von Hochbegabung und Hochleistung. In B. Gula, R. Alexandrowicz, S. Strauß, E. Brunner, B. Jenull-Schiefer & O. Vitouch (Hrsg.), Perspektiven psychologischer Forschung in Österreich. Proceedings zur 7. Wissenschaftlichen Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie (S. 444-451). Lengerich: Pabst.

Kubinger, K.D. & Holocher-Ertl, S. (2008). Diagnostische Verfahren. In G. Hörmann & W. Körner (Hrsg.), Einführung in die Erziehungsberatung (S.86-100). Stuttgart: Kohlhammer. („invited")

Kubinger, K.D. & Holocher-Ertl, S. (in Druck). Die Vorteile adaptiven Testens in der Hochbegabungsdiagnostik. In F. Preckel & H. Holling (Hrsg.), Tests und Trends. Göttingen: Hogrefe. („invited“)

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